Glaubensfrage ab 1960 - Pelikano oder Geha?
1960 brachte Günther Wagner den ersten Schülerfüller auf den Markt - Tintenblaue Schülerfinger wurden jeden Tag geschrubbt
Von Thomas Parr
Der ersten Markenkrise meines Lebens begegnete ich Anfang der 1960er Jahre. Die Krisen-Frage lautete Pelikano oder
Geha? Genaugenommen war es die Frage, ob man besser mit dem Pelikano schrieb oder mit dem Geha.
Ganz persönlich glaube ich, dass der Pelikano die bessere Wahl war. Aber bitte, andere werden das völlig anders sehen.
Der Pelikano war blau, was vielen sehr gut gefiel, der Geha war grün, was nur denen gefiel, die einen hatten. Der Pelikano
wurde mit Tinten-Patronen gefüllt der Geha auch. Der Pelikano hatte eine Reservepatrone im Schaft, der Geha auch.
Aber die Patronen im Geha konnten so zusammen gesteckt werden, dass sich ein Reservetank ergab. Das funktionierte beim
Pelikano leider nicht.
Die lateinische Grundschrift hatten wir in den ersten beiden Klassen unseres Schülerlebens mit dem Bleistift gelernt. Interessanterweise war es dabei gar nicht wichtig wer den Bleistift hergestellt hatte: Schwan oder Faber-Castell.
Ich kann mich erinnern. dass unsere Lehrerin uns dann kurz vor der dritten Klasse behutsam darauf vorbereitete, demnächst mit einem Füller zu schreiben. Das, so sagte sie, sei völlig anders als mit einem Bleistift. Man müsse das üben. Die meisten also kamen nach den Osterferien - das war vor den Kurzschuljahren noch so - mit einem Pelikano in die dritte Klasse.
Das war ein recht rundlicher Stift mit blauem Schaft aus Kunststoff und einer Aluminiumkappe, die auf den Schaft gesteckt
wurde. Schraubte man den Schaft auf, legte man damit die Patronen frei.
Bis wir das Schreiben mit dem Füller raus hatten, hatte jeder von uns blaue Daumen und Zeigefingerkuppen. Von der Tinte
selbstverständlich - Pelikan 4001, Königsblau. Jeden Tag wurde geschrubbt. Erst später gab es die „Rutschbremse“ Damit
die Tinte im Schreibheft nicht verschmierte, waren jedem Heft rosafarbene Löschblätter beigelegt. Das war praktisch,
weil das Heft sauber blieb, und es war Spielzeug in langweiligen Momenten. Denn. das hatten wir bald raus, das Löschpapier
saugte sich voll Tinte, wenn man die Feder mit leichtem Druck aufs Papier presste.
War so eine Patrone schließlich leer geworden - wie auch immer -, wurde sie mit einer Schere aufgeschnitten, um an
die kleine Kugel zu kommen, die die Patrone verschlossen hatte.
Umfangreiche Sammlungen gab es, und wie ich später erfuhr, waren die am wertvollsten, in denen es auch schwarze, rote,
grüne, violette und türkisfarbene Kügelchen gab. 1959 war bei Günther Wagner mit der Entwicklung eines Füllers für
Schulkinder begonnen worden. Pelikan war damals schon längst ein Begriff für Künstlerfarben und Kolbenfüllfederhalter,
die allerdings für Erwachsene gedacht waren.
Nun, 1959. Lehrer wurden befragt, wie so ein Füller für Schreibanfänger beschaffen sein müsste. Er dürfe nicht zu schwer
sein, hieß es. Und wenn die Kappe beim Schreiben oben drauf gesteckt würde, dürfte der Füller dem Kind nicht aus der Hand
fallen. Und blau sollte er sein.
1960 war er fertig entwickelt und kam in seiner rundlichen Form - was dem Geschmack der Zeit entsprach - auf den Markt.
Es wurde ordentlich Werbung gemacht. Sogar im Fernsehen, und die renommierten Grafiker Margret und Rolf Rettich entwarfen
Plakate.
Der Pelikano trat einen Siegeszug an, wie ihn sich Unternehmen nur wünschen können. Aber dann, oh Schreck, war die Produktion fast ausverkauft. Es gab Lieferschwierigkeiten. Vorübergehend.
1964 kam die zweite überarbeitete Generation des Pelikano auf den Markt. Er war nicht mehr rundlich sondern deutlich zylindrisch und hatte eine große schwingende Feder bekommen. Groß verändert wurde er danach nicht mehr. Oder doch. Von 1970 an gab es den Pelikano auch mit rotem Schaft. Für Mädchen. In der Zwischenzeit war auch schon längst der Geha auf den Maria gekommen. Weil der Pelikano nun schon blau war, wurde der Geha eben grün. Der für die Mädchen war dann aber doch ebenfalls rot.
Man kann über Hannover sagen was man will. Was die Produktion von Schülerfüllern betraf, war die Stadt unschlagbar in Deutschland. Das lag daran, dass der Geha auch in Hannover produziert wurde. Geha steht übrigens für Gebrüder Hartmann. Geha gibt es inzwischen nur noch als Produktname von - Pelikan. Die Schuhfüller kommen auch nicht mehr aus Hannover, sondern aus dem Werk in Vöhrum im Kreis Peine. Und die Ehre, Schüler mit dem ersten Füller auszustatten, teilt sich Pelikan seit gut 30 Jahren mit Lamy. Noch ein großer Name, aber eine andere Geschichte.
Quelle: Sonderbeilage der Braunschweiger Zeitung zum Schulanfang vom 23.08.2008

