Handschriftliche
Rhythmen
und Strukturen
Handschriftliche Rhythmen und Strukturen

Handschrift ist mehr als nur Mittel zum Zweck, sie ist etwas Persönliches, denn jeder hat einen individuellen Schreibrhythmus.

Handschriftliche Rhythmen und Strukturen

„Buchstaben sind praktische und nützliche Zeichen, aber ebenso reine Form und innere Melodie.”

Dieser Gedanke von Wassily Kandinsky wird uns auf den folgenden Seiten begleiten, wenn wir uns mit dem Rhythmus und Schreibduktus unserer Handschrift beschäftigen. Dabei geht es nicht um das Schönschreiben im historischen Sinn, sondern um Ausdruck und Persönlichkeit im Schriftbild.

Warum ist es wichtig mit der Hand zu schreiben?
Die Handschrift ist etwas sehr persönliches, sie ist ein Teil von uns und eine Art Stimmungsbarometer. An unserem Schriftbild sehen wir, wie wir uns fühlen. Außerdem trainieren wir durch das Schreiben mit der Hand unseren individuellen Schreibrhythmus, das heißt, Ausdruck, Charakter und Persönlichkeit werden gefördert und gestärkt. Fließende Fingerbewegungen aktivieren auch verschiedene Regionen im Gehirn, erfordern tieferes Nachdenken und fördern die gesamte persönliche Entwicklung.

Die folgenden Schreibübungen ermöglichen uns die eigene Handschrift von einer neuen Seite kennenzulernen und damit zu experimentieren. Wir verwenden klassische Schreibwerkzeuge wie Füllhalter und Fineliner genauso wie Hölzer oder Pappstreifen. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt!

Die Ziele sind:

  • positiven Zugang zum Schreiben und zur eigenen Handschrift entwickeln
  • individuellen Ausdruck über Schrift fördern
  • Mut zum Experimentieren, Selbstvertrauen und Selbstwert stärken
  • Grob- und Feinmotorik fördern, vor allem die Geschicklichkeit der Finger
  • Charakter der eigenen Handschrift entdecken und herausarbeiten

Benötigte Materialien:

  • Schreibwerkzeuge mit feiner Spitze, wie Bleistift, Zimmermannsbleistift, Fineliner, Fasermaler, Kugelschreiber, Füllhalter, Calligraphy-Pen...
  • Schreibwerkzeuge mit breiter Schreibfläche, wie Pappstreifen, Balsaholz (2-3 cm breit)
  • Schreibflüssigkeit (z.B. Tinten oder Tuschen)
  • Gefäß für Schreibflüssigkeit mit breiter Öffnung
  • Dickes Papier, ca. 150g/m2 (z.B. Tonkarton)
  • Schablonen, wie Marmeladenglasdeckel, quadratische oder rechteckige Pappen, Lineale, Geodreiecke

1. Individueller Schreibrhythmus

Beim rhythmischen Schreiben geht es vor allem um den Duktus der Schrift. Damit ist die charakteristische Art gemeint, in der jemand schreibt, also eine Kombination aus Strichqualität und Schreibrhythmus.

Manche Menschen schreiben mit viel Druck, manche mit weniger. Die einen schreiben eher zackige Formen, die anderen eher Rundungen. Es gibt so viele unterschiedliche Schreibrhythmen, wie es Hände auf der Welt gibt. Die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Rhythmen zu entdecken ist das spannende an dieser Aufgabe.

In dieser Übung sollst du deinen eigenen, ganz individuellen Schreibrhythmus finden. Dies gelingt uns am besten, indem wir die Buchstaben weglassen und nur Schlingen, Schleifen und Schlaufen schreiben. Dabei wird ganz dicht in die vorherige Zeile hinein geschrieben, so dass am Ende eine Art Gitterstruktur entsteht (siehe unten).

© Claudia Dzengel

Downloadvorlage 1: Felder in denen mit verschiedenen Schreibwerkzeugen (Bleistift, Zimmermannsbleistift, Fineliner, Fasermaler, Kugelschreiber, Füllhalter, Calligraphy-Pen... ) der eigene Schreibrhythmus (ohne Buchstaben) geschrieben wird. Ziehe keine Linien, sondern versuche ganz dicht in die vorherige Zeile hineinzuschreiben -> Es entstehen Schriftstrukturen und Musterbilder.

 

2. Rhythmisches Schreiben ohne Buchstaben – kleine Felder

Wenn wir unseren Rhythmus gefunden haben, wechseln wir zu kleineren Feldern! Diese werden spielerisch, aber nicht zufällig mit Linien, Schleifen und Schlaufen beschrieben. Wir probieren verschiedene Formen und Strichstärken aus und gestalten damit vorgegebene Flächen, die wir uns zuvor mit Schablonen gezeichnet haben. Es entstehen Schrift-Strukturen aus Linien und Rundungen. Wir können unsere „Schrift” in die Länge oder Breite „ziehen”.

© Claudia Dzengel

Downloadvorlage 2: Felder in denen mit verschiedenen Schreibwerkzeugen (Bleistift, Zimmermannsbleistift, Fineliner, Fasermaler, Kugelschreiber, Füllhalter, Calligraphy-Pen... ) der eigene Schreibrhythmus verfremdet wird. Ziehe die Formen in die Höhe oder Breite, schreibe auch von rechts nach links oder von oben nach unten und schreibe mit der Hand, die du sonst nicht zum Schreiben verwendest.

3. Großflächige, abstrakte Formen – Geschrieben

Für das Schreiben von großen Formen eignen sich breite Schreibwerkzeuge wie Pappstreifen, Balsahölzer, Spachtel oder alte Kämme. Als Schreibflüssigkeit können Tinten oder Tuschen verwendet werden.

Spannend an den großen Formen ist der Farbverlauf, da der Strich am Anfang sehr viel Farbe und am Ende der Schreibbewegung nur noch wenig Farbe enthält.

© Claudia Dzengel

Downloadvorlage 3: Schreibe großflächige, abstrakte Formen mit Hölzern oder Pappstreifen. Probiere verschiedene Farben und Formen wie zum Beispiel Bögen oder Zickzack-Linien. Achte dabei auf die Blattaufteilung. Schreibe nicht das ganze Blatt von oben bis unten voll, sondern lass genügend Weissraum frei um später kleine Felder dazugeben zu können.

4. Großflächige, abstrakte Formen – gezogen und gestupft

Großflächige, abstrakte Formen können nicht nur geschrieben, sondern auch gestupft und gezogen werden. Mit Hölzern oder Pappstreifen lassen sich wunderbare Strichkombinationen auf das Papier bringen, die später mit kleinen, rhythmischen Feldern kombiniert werden oder für sich stehen können. Auch hier gilt es wieder, eine spannende Komposition zu entwickeln.

© Claudia Dzengel

© Claudia Dzengel

Downloadvorlage 4: Ziehe und stupfe mit Hölzern oder Pappstreifen abstrakte Formen und Muster. Verdichte die Flächen indem du eng nebeneinander stupfst oder ziehe sie weit auseinander. Achte dabei wieder auf die Blattaufteilung und lass genügend Weissraum für eine mögliche Kombination mit kleinen Feldern frei.

5. Kombination von großflächigen Formen und rhythmischen Feldern

Spannende Bilder entstehen, wenn große abstrakte Formen mit kleinen rhythmischen Feldern kombiniert werden. Als Schablonen eignen sich Lineale, Pappen oder unterschiedlich große Marmeladenglasdeckel. Besonders interessant sehen die Felder aus, wenn nicht über die großen breiten Linien drüber geschrieben wird, sondern diese Linien ausgespart werden. Die rhythmischen Felder wirken wie eine zweite Ebene, die unterhalb der großen abstrakten Form liegt. Durch ansprechende Farbkombinationen kann ein zusätzlicher Effekt erzielt werden.

Diese Übungen lassen sich für jede Altersgruppe anwenden. Vor allem Kinder, die sonst nicht so ein ästhetisches Empfinden haben, erzielen schöne Schriftbilder und sind stolz auf ihre Ergebnisse. Außerdem wurde die Erfahrung gemacht, dass die Rhythmus-Übungen auch auf die Lesbarkeit der eigenen Handschrift eine positive Auswirkung haben.

© Claudia Dzengel

Downloadvorlage 5: Kombiniere eng geschriebene, rhythmische Felder mit den großen abstrakten Formen. Grundsätzlich gilt die Regel: Je stärker der Kontrast zwischen den feinen, eng geschriebenen Feldern zu den großen, abstrakten Flächen ist, desto spannender ist der Gesamteindruck. Du kannst eine der verschiedenen Vorlagen auswählen oder auch beides frei auf einem leeren Blatt kombinieren.

Handschriftliche Rhythmen und Strukturen
Literaturempfehlungen

Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder
Claudia Dzengel
Nilpferd bei G&G Verlag, Wien, 2013

Kalligrafie ist ein Kinderspiel
Claudia Dzengel
Nilpferd bei G&G Verlag, Wien, 2018

Schreib mal!
Coole Schriften & Buchstabensalat

Julia Kaergel
Prestel Junior Verlag, 2013

Kritzeln, Krakeln, Schreiben
Das Buchstaben-Mitmachbuch für Kinder

Claudia Huboi, Susanne Nöllgen
Haupt Verlag, 2013

Kalligrafie
Erste Hilfe und Schrift-Training mit Musteralphabeten

Gottfried Pott
Verlag Hermann Schmidt Mainz, 2005

Einige Bilder und Textpassagen dieser Unterrichtseinheit stammen aus dem Buch Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder (Nilpferd bei G&G Verlag)